Pretotyping

Pretotyping – das Richtige entwickeln

Innovation von Innen

Pretotyping – das Richtige entwickeln

Finde im Vorfeld heraus ob dein neues Produkt etwas taugt. Pretotyping hilft dir mit unkonventionellen Methoden Zeit und Kosten bei der Produktentwicklung zu sparen und wertvolle Informationen zu sammeln.

Pretotyping Definition

Der Begriff Pretotyping setzt sich aus den Worten „pretend“ und „prototyping“ zusammen. Es ist eine Methode, um schnell und kostengünstig neue Produktideen zu testen. Das Ziel des Pretotypen ist es herauszufinden wie hoch die Nachfrage nach dem potentiellen Produkt wäre.

Das Pretotyping wurde 2010 erstmals von dem ehemaligen Google Engineering Director Alberto Savoia definiert. Er und seine Kollegen Richard Cox Braden und Leslie Barry erkannten damals, dass viele Innovationen sich am Markt nicht durchsetzen, obwohl sie kompetent entwickelt worden sind. In seinem Buch „Pretotype it“ beschäftigt er sich damit „The Law of Market Failure“ mithilfe verschiedener simpler Techniken und Methoden zu vermeiden.

Was ist Pretotyping

Um zu analysieren, ob zukünftige Kunden Interesse an dem Produkt hätten, wird eine vereinfachte Version erstellt.
Pretotyping soll verhindern, dass ein gut entwickeltes Produkt sich am Markt nicht durchsetzt. Die Kunden des Pretotyps werden deshalb ganz genau beobachtet, um herauszufinden, ob sie es selbst erwerben würden. Es wird außerdem darauf geachtet auf welche Weise und wie oft sie das Produkt nutzen würden.
Entscheidend beim Pretotyping ist die Identifizierung des „it“. „The right it“ heißt Alberto Savoias zweites Buch und steht für das Element, dass am wesentlichen zum Erfolg des Produktes beitragen wird.

Ziel des Pretotyping ist es mit geringem Zeitaufwand einen verhältnismäßig großen Erkenntnisgewinn zu generieren.

Fail fast = Je früher es sich abzeichnet, dass die Produktidee nicht funktionieren wird, desto weniger Investitionen gehen dem Unternehmen verloren. Fehler sollten frühzeitig erkannt werden.

Der Unterschied zwischen Pretotyping und Prototyping

Das Pretotyping setzt vor dem Prototyping an. So soll im Vorfeld herausgefunden werden, ob die Produktidee selbst einen Mehrwert darstellt und Kunden das endgültige Produkt tatsächlich kaufen würden. Ein Pretotyp wird oftmals kostengünstig innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen erstellt.

Das Prototyping ist deutlich zeitaufwendiger und kostenintensiver. Es geht hierbei um die Entwicklung des Produktes, die Kontrolle der einzelnen Funktionen und die ungefähre Einschätzung des Kostenaufwands. Der Prototyp stellt meistens eine vereinfachte Version des späteren Produktes dar.

Das Pretotyping ist quasi eine Absicherung, dass das Prototyping nicht umsonst durchgeführt wird. Es geht darum Fehler frühzeitig zu erkennen und aus ihnen zu lernen. Noch bevor der Prototyp gebaut ist, gibt es eine Erfolgsprognose. So kann mit großem Erfolg oder auch mit dem Scheitern des Produktes gerechnet werden.

Im Pretotyping wird im Grunde so getan, als wäre eine Funktion vorhanden. Hierfür gibt es verschiedene Methoden, um den Bedarf der Lösung, die Nutzungsanforderungen oder potentielle Herausforderungen zu identifizieren.

Pretotyping Methoden

The Mechanical Turk: Um Kosten zu sparen ersetzt du bei dieser Methode den Computer oder die Maschinen durch einen Menschen. Für die Probanten sieht es dabei so aus, als wenn alle Funktionen vom Computer aus gesteuert werden. Im Zuge der Digitalisierung und steigender Rechenleistung wird diese Methode immer seltener angewandt. Früher konnten so aber viele Stunden an Zeit und große finanzielle Investitionen eingespart werden.

Die Namensgebung des Mechanical Turk geht auf den Schachautomaten „The Turk“ aus dem 18. Jahrhundert zurück. Um die österreichische Kaiserin Maria Theresia zu beeindrucken entwickelte Wolfgang Kempelen 1770 den vermeintlichen „Schachtürken“ einen automatischen Schachspieler. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts versetzten er und sein Nachfolger mit dem Schachautomaten Europa und Amerika ins Staunen. Neben raffinierter Technik saß jedesmal ein qualifizierter Schachspieler im Inneren des Kastens und führte die Züge aus. Der Schachautomat spielte im Laufe seines Lebens gegen verschiedene Prominente seiner Zeit, so z.B. auch gegen Benjamin Franklin und Napoleon.

www.history.com

The Pinocchio: Du baust eine nicht-funktionale Version des Produktes und stellst die Funktionen selbst dar. Mithilfe dieses Dummys kann eine sog. „form-and-fit-validation“ durchgeführt werden.

The Minimum Viable Product: Hier werden nur die wichtigsten Funktionen des Produktes dargestellt. Die Herausforderung dabei ist die Definition des „Minimalen“. Das Produkt sollte soweit funktionieren, dass es Kunden einen ersten Nutzen bieten kann. Auf Basis des Kundenfeedbacks kann dann eine zweite Version erstellt werden. Entscheidend hierfür ist laut Alberto Savoia…
der Wert: Ob Kunden das Produkt verwenden und kaufen würden
die Nutzbarkeit: Auf welche Weise das Produkt funktioniert
Und die Machbarkeit: ob das Unternehmen über die nötigen Ressourcen verfügt es herzustellen.

The Fake Door oder Facade: Den Kunden wird ein Produkt angeboten, dass es noch gar nicht gibt. Funktioniert am besten wenn sie bereits mit anderen Produkten des Unternehmens vertraut sind.
Als Fake Door werden gerne potentielle neue Speisen auf Tageskarten gesetzt. Als Facade kannst du z.B. eine Landingpage für das Produkt bauen, ohne das Produkt selbst dort darzustellen. Bei beiden Methoden geht es letztendlich um die Sammlung von Daten und Nachfragepotential. Du sollten in beiden Fällen aber vorsichtig sein, das Vertrauen deiner Kunden nicht zu missbrauchen.

The Infiltrator: Hier wird ein bestehendes Setting genutzt und die Reaktion der Kunden getestet. Das Produkt wird beispielsweise im Supermarkt platziert und das Interesse der Kunden wird beobachtet.

The Pretend-to-Own: du leihst dir bereits am Markt vorhandene Produkte aus und testest sie gründlich, bevor du in deine eigene Idee investierst. Diese Methode schont deine eigenen Ressourcen und minimiert das Risiko einer potentiellen Fehlinvestition.

The One-Night-Stand: Hier geht es um den zeitlichen Zugang des Produkts. Du weckst das Interesse der Käufer durch temporäre Angebote oder limitierte Ware.

The Youtube: Das neue Produkt wir auf YouTube vorgestellt. Entscheidend für die Weiterentwicklung sind hier die Videoaufrufe und das allgemeine Interesse der Zuschauer.

The Re-label: Dreist aber wirkungsvoll. Du setzt einfach dein Logo auf ein existierendes Produkt und testest die Nachfrage. Diese Methode wird gerne eingesetzt, um neue Verpackungen zu testen oder um das allgemeine Interesse an einem neuen Produkt zu analysieren.

The Provincial: Du testest deine Idee zuerst mithilfe eine lokalen Stichprobe, bevor du über eine Internationalisierung nachdenkst.

Best Practices

Die Pretotyping Methoden erfreuen sich an großer Beliebtheit. Sei es Google, Apple oder frisch gebackene Startups – viele Unternehmen wissen Alberto Savoias Methoden zu schätzen und anzuwenden.

Mechanical Turk: Pretotyping IBM

Einer de bekanntesten Mechanical Turks des letzten Jahrhunderts ist das Speech-to-Text-Experiment von IBM. Das Unternehmen hatte Interesse an der Entwicklung einer Technik die Sprache in Text umwandeln kann. Es war jedoch nicht ersichtlich wieviele Ressourcen eine solche Entwicklung benötigen würde. Auch die Möglichkeiten einen funktionierenden Prototypen herzustellen gab es mit der damaligen Computerleistung noch nicht.

Es wurde deshalb ein Pretotyping durchgeführt: Die Testpersonen sprachen in ein Mikrophon und im benachbarten Raum tippte ein Mitarbeiter das gehörte Wort in einen Texteditor. Es hatte den Anschein, die Speech-to-Text-Methoden würde bereits existieren. Die potentiellen Nutzer waren begeistert. Das „it“ war identifiziert und die Nachfrage war eindeutig vorhanden. Doch auch eventuelle Nachteile wurden identifiziert:
IBM erkannte während des Experiments, dass die Stimme eines Menschen nach gewisser Zeit schwächer wird und Hintergrundgeräusche die Verständlichkeit reduzieren. Natürlich wären sie auch durch einen Prototypen zu dieser Erkenntnis gelangt, haben so aber einiges an Kosten eingespart.

Am Beispiel vom Pretotyping IBM formulierte Savoia den Leitsatz:

“Fake it bevor you make it”

Re-Label: Pretotyping Tesla

2003 erschuf Elon Musk den Pretotyp eines elektrischen Sportwagens. Er nahm hierfür einen Lotus Roadster und baute ihn um.
Es ging ihm um die reine Optik, der Sportwagen funktionierte keinesfalls. Er zeigte ihn Interessenten und gab ihnen die Möglichkeit sich für 5.000 Dollar auf die Warteliste setzen zu lassen. Tesla sicherte sich so hunderte von Einlagen.

Fake Door: Pretotyping McDonalds

Die Fake-Door-Methode wird häufig in der Gastronomie angewandt. So hat es auch Mc Donalds gemacht. Sie setzten die „Mc Spagetti“ auf die Speisekarte einiger Filialen und zählten die eingehenden Bestellungen. Die Gäste wurden nach der Bestellung informiert, dass das Gericht leider ausverkauft wäre. Wirklich groß war der Andrang jedoch nicht und so stellte sich nach einer Woche heraus, dass Spagetti bei der Fastfoodkette keine Zukunft haben würden.

Das Pretotyping-Manifest

In seinem E-Book „Pretotype it“ stellt Alberto Savoia die Philosophie des Pretotyping vor.
Die wichtigsten Grundprinzipen sind laut Savoia:

Innovators beat ideas
Savoia hält die Innovatoren, die engagierten Mitarbeiter, die Intrapreneure und Entrepreneure und ihre Begeisterung für die Sache für weitaus wichtiger als die Idee selbst. Nicht jede gute Idee wird zu einer guten Innovation.

Pretotypes beat prototypes
Vor der Erstellung eines Prototyps sollte immer ein Pretotyping durchgeführt werden. Es gelingt schneller und kostengünstiger und kann den Rahmen für den Prototypen festlegen.

Building beats talking
Entspricht der Redewendung „Taten sagen mehr als Worte“. Laut Savoia müssen bestimmte Dinge visualisiert und angepackt werden bevor viel Zeit mit Reden verbracht wird.

Now beats later
Das bereits erklärte „Fail fast“ erspart dem Unternehmen Geld, Zeit und Frust. Frühe Erkenntnisse helfen dabei keine Fehlinvestitionen zu tätigen oder aber ggf. passende Lösungen zu finden.

Commitment beats committees
Um effizient arbeiten zu können sind Leidenschaft, Vision und Aktion wichtiger als die Abstimmungsverfahren beteiligter Gremien.

Data beats opinion
Daten sind Fakten und in der Entwicklung wichtiger als persönliche Meinungen, um eine unternehmerisch wichtige Entscheidung zu treffen.

Don’t finish what you’ve started
Sobald erkennbar ist, dass das Produkt nicht erfolgreich sein wird solltest du aufhören.

Failure is an option
Angelehnt an „don’t finish what you’ve started“. Scheitern ist manchmal die beste Option. Darüber sollte so früh wie möglich Klarheit herrschen. Hierfür sollte eine offene Fehlerkultur im Unternehmen herrschen.

Scarity bring clarity
Im Rahmen des Pretotyping sollten die angewandten Methoden und Tests so einfach wie möglich gehalten werden.

The more the messier
Weniger ist mehr. Denn je mehr Dinge getestet werden, desto komplizierter wird die Auswertung.

Reinvent the wheel
Auch weit verbreitete Lösungen sollten hinterfragt werden. Oft entstehen disruptive Innovationen durch das infrage stellen des Altbekannten.

Play with fire
Manchmal muss man ein hohes Risiko eingehen, um innovative Ideen und erfolgreiche Produkte zu realisieren.

Pretotyping ist eine Methode die jedes Unternehmen im Hinterkopf behalten sollte. Innovationen können ohne großen Zeit- oder Kostenaufwand getestet werden und auf ihre unique selling proposition untersucht werden. Unabhängig vom Ergebnis profitiert das Unternehmen von den Erkenntnissen des Pretotypings. Denn Selbst im Falle eines Scheiterns wurden keine Ressourcen und Energien unnötig eingesetzt.

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